Die Arras-Sage (eine alte Sage nacherzählt)
Vor langer langer Zeit – im Jahre 938 n.Chr. – lebte am Fuße des Berges in dem kleinen Ort Alf an der Mosel eine Köhlerfamilie. Der Köhler Arras, der auch eine Schmiede betrieb, hatte zusammen mit seiner wunderschönen Frau 12 Söhne, die bereits das Mannesalter erreicht hatten. Es waren stattliche Kerle mit viel Kraft und Ausdauer.
In mehreren Meilern (temporären Öfen) stellten sie Holzkohle für die Schmiede her. Dort wiederum wurden Äxte, Speere und Werkzeuge angefertigt, die sie im täglichen Leben nutzten. Sie führten ein beschauliches, ruhiges Leben.
Die ganze umliegende Gegend war mit Wald bedeckt und das Einzige gegen was es ihre Familien zu verteidigen galt, waren wilde Tiere wie Bären, Wölfe und Füchse, bis sie eines Tages die Schreckensnachricht erhielten, dass ein wildes Reitervolk - die Magyaren - auf ihrem Raubzug durch ihre Heimat kommen würde.
Den Magyaren (den heutigen Ungarn) wurden Gräueltaten der schlimmsten Art nachgesagt. Sie brandschatzten, plünderten, töteten Männer und alte Weiber, verschleppten Kinder und junge Frauen. Barbarisch zerrissen sie halbrohe Fleischstücke mit ihren Zähnen und warfen einfach so zum Spaß die angenagten Knochen anderen Stammesmitgliedern zu. Das gesamte Abendland zitterte bei ihrer Erwähnung vor Angst und Schrecken.
Die Furcht der Dorf- und Talbewohner war groß, und viele wollten die Flucht ergreifen. Der Pfalzgraf Hermann, der das Land hätte verteidigen sollen, war noch damit beschäftigt, eine Armee zusammenzustellen. Hilfe war also alsbald nicht zu erwarten.
Da rief der alte Köhler seine 12 Söhne zusammen und beratschlagte, was zu tun sei. „Meine geliebten Söhne, sollen wir mit unserer Familie fliehen und alles zurücklassen oder sollen wir kämpfen?“
Sie sahen sich an. Ein Kampf erschien aussichtslos, aber alles zurücklassen? Nach kurzer Zeit nickte der älteste Sohn und die anderen taten es ihm gleich. Es war beschlossen, man wollte nicht kampflos den Barbaren das Feld überlassen. „Vater, wir werden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen!“ lautete die Antwort. Stolz erhob sich der Vater und erläuterte seinen Plan:
„Ruft alle Bauern, Winzer, Jäger, Nachbarn und Freunde – zusammen können wir Widerstand leisten. Und sagt ihnen, sie sollen kommen – ansonsten werde ich sie für immer und ewig Feiglinge nennen“.
Die Söhne verloren keine Zeit und machten sich auf den Weg. Und so kamen sie alle – auch wenn einige der Meinung waren, dass diese Unternehmung scheitern würde und sie dafür mit dem Leben bezahlen müssen. Der Köhler genoss jedoch hohes Ansehen, also hörten sie seiner feurigen Rede zu.
„Hört mich an meine Freunde – mir ist bewusst, dass wir nur eine kleine Schar sind. Dennoch, wir kennen den Wald, die Schluchten und die Pfade. Wir kämpfen für die, die wir lieben und unsere Heimat. Es kann uns glücken, wenn wir zusammenstehen.“
Beifallsrufe wurden laut - und keiner dachte mehr daran zu fliehen. Alle wollten bleiben und gegebenenfalls lieber als Held sterben, als ein Leben lang als Feigling zu gelten.
An einen Nahkampf war nicht zu denken, man musste aus dem Hinterhalt agieren. Die teuflischen Gegner sollten so lange aufgehalten werden, bis Pfalzgraf Hermann zur Hilfe kam. Entsprechend verteilte der Köhler die Männer auf die Höhen zwischen Bäumen und Felsen und bestückte sie mit Pfeil und Bogen, Speeren und Wurfgeschossen.
Lange brauchten sie nicht zu warten, da erschienen die ersten Eindringlinge. Auf sein Zeichen griffen seine Mitstreiter an. Ein Stein- und Pfeilhagel fiel auf die Barbaren. Viele wurden getötet, andere verletzt. Völlig überrascht und verwirrt traten die Magyaren daraufhin den Rückzug an. Jedoch sollte dies nicht lange währen. Die Wut hatte sie gepackt, und sie versuchten die Felsen zu erklimmen und die verborgenen Gegner auszuschalten. Doch sie konnten immer wieder zurückgedrängt werden. Das ging einige Tage so weiter. Aber die Kraft verließ des Köhlers Männer. Es fehlte an Nahrung und an Vertrauen, dass es wirklich gelingen könnte, das grausame Pferdevolk endgültig in die Flucht zu schlagen.
Als es schon fast keine Hoffnung mehr gab, ertönten des Pfalzgrafen Trompeten. Jubelschreie waren zu hören, und mit vereinten Kräften wurde das räuberische Reitervolk bezwungen und aus dem Tal vertrieben.
Die Bewohner des Tals gingen dankbar nach Hause – sowie der Köhler Arras und seine Söhne. Sie waren zufrieden mit dem Ausgang des Kampfes und froh noch am Leben zu sein.
Am nächsten Tag – alle saßen am Mittagstisch – klopfte es. In der Tür standen Pfalzgraf Hermann und Erzbischof Ruobert von Trier in edlen Rüstungen. Ehrfurchtsvoll neigten die Helden die Köpfe.
Da wendete der Pfalzgraf das Wort an sie: „Ich bin Euch zu Dank verpflichtet. Ihr habt treu und mutig gekämpft und uns zum Sieg gegen die Barbaren verholfen. Ihr seid wahrlich einer Ritterschaft würdig. Kniet nieder, tapfere Männer.“
Die Dreizehn knieten vor dem Grafen nieder und empfingen von ihm Ritterschlag und Schwert und durften sich fortan ‚Ritter von Arras‘ nennen.
Danach sprach der Erzbischof: „Nun da ihr in den Ritterstand erhoben wurdet, werde ich Euch als Dank für Eure Taten eine Festung errichten, die immerfort an eure Heldentaten erinnern wird. In diesem Sinne soll sie ‚Burg Arras‘ genannt werden!“
Seitdem lebten sie glücklich und zufrieden als ‚Ritter von Arras‘ auf ‚Burg Arras‘, und wenn sie nicht gestorben sind, dann beschützen sie noch heute die Bewohner von Alf und dem Alftal.
Bild (Hauptseite) u. Text: Simone Enck. - veröffentlicht im Heimatjahrbuch Cochem-Zell 2022